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„Der Tod macht das Leben klarer“
Der Philosoph
Wilhelm Schmid über die Endlichkeit der Existenz, die ewige menschliche
Suche nach Sinn und den aktuellen Streit um die Zulässigkeit von Sterbehilfe
SPIEGEL: Herr Schmid, Sie befassen sich als Philosoph
damit, wie die Menschen Glück finden und wie ihnen das Leben gelingt. Was
verstehen Sie eigentlich unter Lebenskunst?
Schmid: Es ist nicht die populäre Lebenskunst, wie
sie lange Zeit verstanden worden ist: Gut essen, trinken, Aphrodisia, sich
möglichst keine Gedanken machen über das Leben, nicht besorgt sein. Mir fiel
schon während meines Studiums auf, dass es noch etwas anderes geben muss –
zum Beispiel die antike Lebenskunstlehre, wonach es auf das bewusst geführte
Leben ankomme.
SPIEGEL: Die erste Variante klingt amüsanter ....
Schmid: Unser Leben ist geteilt in Positives und
Negatives, und nur wenn wir in unserem Lebensbegriff beide Pole übergreifen
können, nähern wir uns der wahren Lebenskunst. Der Versuch der Moderne, vom
Leben nur das Positive zu erwarten und mit allerlei chemischen Keulen
Schmerz und Leid zu besiegen, ist doch gescheitert. Wir brauchen die
Rückbesinnung auf die philosophische Lebenskunst, die auch Schmerzen und
Misserfolge als konstitutiv für das Leben betrachtet.
SPIEGEL: Das Negative schlechthin am Leben ist der Tod.
Wie können Sie diesen größten Skandal der Existenz in Ihre Lebenskunst, in
Ihre Suche nach der Balance zwischen den Polen, integrieren?
Schmid: Ich harmonisiere da nichts. Denken wir uns
den Tod doch einmal weg. Stellen wir uns vor, wir sterben nicht. Wie fühlen
wir uns dabei? Angenommen, aus 80 Lebensjahren werden 200. Da gibt es dieses
schöne Buch über 1000 Orte, die man sehen sollte, bevor man stirbt. Wenn ich
zweimal im Jahr Urlaub mache, schaffe ich vielleicht 100. Wenn mir weitere
1000 Orte einfallen, brauche ich schon 500 Lebensjahre. Kann das immer so
weiter gehen? Bleibt die Lebensfreude dabei erhalten? Es dürfte furchtbar
öde werden. Denken Sie nur an dieses Detail: Nicht nur wir würden bleiben,
sondern auch unsere Nachbarn!
SPIEGEL: Vorausgesetzt, der medizinische Fortschritt
ist unaufhaltsam: Wie lange möchten Sie leben?
Schmid: Ich habe für mich beschlossen: 500 Jahre,
das scheint mir ein sinnvoller Zeitraum zu sein; da bekomme ich noch viel
mit, etwa die Fortschritte in der Astrophysik, und ich kann noch die 1000
Urlaubsorte besuchen...
SPIEGEL: ...mit wie vielen Ehefrauen?
Schmid: Möglichst mit der, die ich jetzt habe. Aber
länger als 500 Jahre? Das würde wohl zu langweilig werden.
SPIEGEL: Daraus folgt doch, dass wir Menschen den Tod
als Grenze des Lebens annehmen sollten.
Schmid: Ja, zur Fülle des Lebens, mit allen
Gegensätzen, gehört nun einmal der Tod, wir müssen uns mit ihm anfreunden.
SPIEGEL: Haben Sie mit dieser Idee Schwerkranken helfen
können – in den zehn Jahren Ihrer Arbeit als philosophischer
„Lebensgesprächspartner“, so Ihre eigene Bezeichnung, in einem Schweizer
Spital?
Schmid: Das kam vor. Die Idee hilft auch nicht nur
dem Sterbenskranken, sondern genauso den mitleidenden Angehörigen. Die Zeit,
die Menschen verbringen, wenn sie ihren bevorstehenden Tod akzeptiert haben,
kann so intensiv werden, dass sie viele Jahre Lebenszeit aufwiegt. Menschen,
deren Leben in absehbarer Frist endet, können einen präzisen Blick auf
beglückende Kleinigkeiten gewinnen, den ein Gesunder, der noch viele Jahre
vor sich zu haben glaubt, oft verpasst: die Tautropfen morgens auf den
Gräsern, den Wolkenzug am Himmel. Jede Konfrontation mit dem Tod macht das
Leben klarer, lebendiger. Die Todeserwartung enthält zuweilen richtig
beglückende Momente.
SPIEGEL: Gehört zur Lebenskunst, die den Tod als
natürliche Grenze des Daseins akzeptiert, nicht auch das bewusste Verfügen
über den Zeitpunkt des eigenen Ablebens, notfalls auch mit fremder Hilfe?
Schmid: Es kommt darauf an, wie die Hilfe genau
aussieht. Wir haben es mit zwei extremen Positionen zu tun, und ich muss
zunächst sagen: Beide haben vollständig recht. Die eine besagt:
Grundsätzlich gehört es zur Würde des Menschen, dass er bis zuletzt über
sich bestimmen kann. Die andere Position besagt: Es gehört zur Würde des
Menschen, nicht in das eigene Leben einzugreifen bis zuletzt, weil der
Einzelne sich dieses Leben ja auch nicht gegeben hat. Selbstbestimmung oder
Ehrfurcht vor der Unverfügbarkeit des Lebens, das ist die Frage.
SPIEGEL: Sehen Sie einen Kompromiss?
Schmid: Die Verfechter der unterschiedlichen
Entwürfe der Menschenwürde sollten aufhören, sich gegenseitig für
unzurechnungsfähig zu erklären. Sie sollten sich fragen: Kann es sein, dass
die jeweils andere Position auch Gewinn mit sich bringt und nicht nur
Probleme? Wenn ich mich auf den Standpunkt stelle, das Leben als Ganzes sei
grundsätzlich Gott überlassen, kann ich unter Umständen vor einem furchtbar
leidenden Menschen stehen, der ganz gewiss in zwei Wochen stirbt – und dem
soll ich nicht helfen dürfen, das Leid sofort zu beenden? Wo bleibt da das
Mitleid?
SPIEGEL: Wenn mir die Selbsttötung erlaubt ist, und das
ist sie ja, warum sollte mir dann keiner dabei helfen dürfen?
Schmid: Bei der Selbsttötung ist vor allem die
Frage: Habe ich es mir wirklich gut überlegt? Habe ich genügend bedacht, was
meine Selbsttötung für andere Menschen bedeutet, die mir wichtig sind? Da
gibt es zwei Möglichkeiten, beide habe ich im Krankenhaus erlebt: Jemand
möchte einem anderen Menschen nicht weh tun und verzichtet deshalb auf die
Selbsttötung. Oder jemand möchte einem anderen weh tun, bis an dessen
Lebensende, und bringt sich gerade darum um.
SPIEGEL: Erklärt sich das aktuelle Interesse an der
Sterbehilfe auch vor dem Hintergrund der neuen medizinischen Möglichkeiten
zur Schmerzbekämpfung und zur Verlängerung des Lebens?
Schmid: Die Debatte über Sterbehilfe ist
zweieinhalbtausend Jahre alt; heute hat sie eine eigene Qualität gewonnen
durch die Möglichkeiten der modernen Medizin und die gewachsenen Ansprüche
der Menschen, unabhängig von irgendwelchen Autoritäten zu entscheiden, ihr
Recht auf existentielle Selbstaneignung wahrzunehmen.
SPIEGEL: Wie genau darf Hilfe beim Sterben aussehen,
wie weit darf sie gehen?
Schmid: Der Arzt, der diese Hilfe leisten soll, ist
selbst ein autonomer Mensch, kein Vollzugsorgan dessen, der sterben will.
Das ist das eine Problem. Das andere: Wie können wir im Einzelfall
unterscheiden, ob der Todeswunsch wirklich der Patientenwille ist – und
nicht der Wunsch eines Angehörigen, mit dessen Sterben möglichst bald zu
erben?
SPIEGEL: Also was schlagen Sie vor?
Schmid: Ich plädiere für die Autonomie dessen, der
sterben will. Unter ähnlichen Voraussetzungen, wie sie in den Niederlanden
festgelegt wurden: Wenn jemand, der sterben will, aber zur Selbsttötung
nicht mehr in der Lage ist, seinen Entschluss im Beisein eines Notars
bekundet, und seinen Entschluss zwei Wochen später noch einmal vor einem
Notar bekräftigt, um auszuschließen, dass das erste Mal nur eine
Gefühlsaufwallung war; und wenn zwei Ärzte unabhängig voneinander
bestätigen, dass dieser Mensch unheilbar krank ist und nur noch eine
begrenzte Lebenserwartung hat, und wenn die Hilfe dann auch durch einen Arzt
vollzogen wird, nicht durch irgendeine andere Person.
SPIEGEL: Etwa durch einen ehemaligen Justiz-Senator aus
Hamburg.
Schmid: Gewiss nicht – allerdings hat ja der, den
Sie meinen, Roger Kusch, keine aktive Sterbehilfe geleistet; er hat, wie es
auch die Schweizer Sterbehilfeorganisation Dignitas tut, einigen
Sterbewilligen etwas bereitgestellt, womit diese sich dann töten konnten. In
der Sterbehilfe-Debatte wird ja der falsche Eindruck erweckt, schon diese
Selbsttötung – und das Besorgen des Gifts durch einen Helfer – sei verboten.
Assistierter Suizid ist im Prinzip erlaubt, nicht nur in der Schweiz, auch
bei uns.
SPIEGEL: Aber der Helfer darf nicht so weit gehen, dem
Lebensmüden das Gift – zum Beispiel Natrium-Pentobarbital – selbst
darzureichen.
Schmid: Das genau ist der heikle Punkt, an dem auch
das legitime Mitleid bei uns straffällig wird. Und das zu Recht. Es kann
nicht darum gehen, die aktive Sterbehilfe einfach blind freizugeben. Wenn
wir in dieser Richtung einen Schritt machen, dann nur genau definiert und
strikt überwacht. Sonst können wir nicht mehr sicher sein, was in
Altenheimen, aber auch in Privatwohnungen passiert. Es ist doch die Regel,
dass Erbinteressen ins Spiel kommen, wenn ein Tod absehbar ist. Vor der
Gefahr, dass Interessenten vorzeitig nachhelfen wollen, unter dem Vorwand
einer Tötung auf Verlangen, muss der Staat jeden Einzelnen schützen.
SPIEGEL: Soll man jemanden gewähren lassen, der – wie
der 2002 verstorbene norwegische Abenteurer Thor Heyerdahl, der an einem
Gehirntumor litt – einfach nichts mehr isst und trinkt?
Schmid: Es handelt sich dabei um eine indirekte
Selbsttötung, die jedem freisteht, sofern er sie wirklich selbst vollzieht.
Passive Sterbehilfe der Art, dass andere diesen Menschen gewähren lassen,
ist ein Tor ins Jenseits, das denkbar weit offen steht.
SPIEGEL: Der evangelische Bischof Wolfgang Huber
schreibt in seinem neuen Buch „Der christliche Glaube“, dieser Glaube stehe
„gegen jede eigenmächtige Bestimmung des Todeszeitpunktes, auch gegen
Selbstmord“. Können unsere Politiker, wenn sie neue Regeln über
Patientenverfügung und Sterbehilfe fixieren, dieses Votum eines wichtigen
kirchlichen Repräsentanten ignorieren?
Schmid: Der Staat muss den Bischof daran erinnern,
dass er nur maximal die Hälfte der Bürger vertritt. Gläubige und Ungläubige
müssen eine gemeinsame Regelung finden, einen Kompromiss. Die Christen
müssen mehr das Mitleid mit dem Leiden der Todkranken berücksichtigen, und
die Nichtchristen müssen die vielen Missbrauchsmöglichkeiten einer total
frei gegebenen aktiven Sterbehilfe bedenken.
SPIEGEL: So mancher Depressive, der nicht mehr leben
wollte, hat den Versuch der Selbsttötung überlebt und hinterher zugegeben,
dass er darüber froh war. Kann man damit nicht jede Legitimität einer
aktiven Sterbehilfe aushebeln?
Schmid: Ja, aber auch die Legitimität jeder
Selbsttötung. Trotzdem finden diese sogenannten „Selbstmorde“ statt, Punkt.
Das lässt sich durch Verbote oder irgendwelche Formen der Ächtung nicht
ändern. Manchmal hat man ja die Chance, eine geplante Selbsttötung durch ein
Gespräch zu verhindern.
SPIEGEL: Ist Ihnen das schon einmal gelungen?
Schmid: Ja. Als ich einmal in dem Schweizer
Krankenhaus zu Mittag aß, kamen zwei Frauen an meinen Tisch, von denen eine
mir mitteilte, sie wolle noch heute aus dem Leben scheiden.
SPIEGEL: Was haben Sie ihr gesagt?
Schmid: Wichtig war mir, ihr zunächst einmal zu
sagen: Selbstverständlich können Sie das tun, ich werde Sie nicht daran
hindern, ich werde auch niemandem vorweg davon erzählen. Wenn mein Gegenüber
davon ausgehen kann, dass ich die Legitimität der Absicht nicht in Frage
stelle, entsteht ein erstes Vertrauen. Dann habe ich gefragt: Sind Sie sich
ganz sicher, dass Sie das nicht noch anders sehen könnten? Wie war es denn
damals, als Sie sich das erste Mal verliebten? Die Welt sah plötzlich so
ganz anders aus! Und was hat sich verändert, als die Liebe vorbei war?
Wieder sah die Welt ganz anders aus, schwarz und leer! Wie ist die Welt
wirklich? Das wissen wir nicht, es hängt von unserer Deutung ab. Das gilt
vermutlich auch für das Leben, es kann ganz gegensätzlich erscheinen.
Vielleicht war es dieser Gedanke, der die Frau in ihrer Selbstgewissheit
erschüttert hat, alles sei schrecklich und das Leben nicht mehr lebenswert.
SPIEGEL: Aber für sie hatte sich doch das Leben selbst
geändert, sie war gebrechlicher geworden, einsamer, sie hatte viele
Illusionen verloren.
Schmid: Dabei bleibt aber das Leben im Wesentlichen
gleich. Das Leben selbst ist nicht, wie der Depressive meint, unerträglicher
geworden als zu der Zeit, als er es noch spannend fand. Seine Deutung des
Lebens hat sich verändert. Es kann nicht sein, dass alles, was früher schön
war, plötzlich nichts mehr wert ist.
SPIEGEL: Und das reichte schon als Argument?
Schmid: Mein ultimatives Argument war schließlich:
Ich habe nichts dagegen, dass Sie das machen, aber sind Sie ganz sicher,
dass Sie es nicht hinterher bereuen? Da gab es ein großes Gelächter, denn
die Reue scheint ja unmöglich zu sein, und das unfreiwillige Gelächter der
zu Tode Betrübten brach die trübe Stimmung auf. Der Gedanke setzte sich
durch: Auch wenn die Reue unmöglich erscheint, auszuschließen ist sie nicht.
Und was wäre, wenn ich tatsächlich bereuen müsste?
SPIEGEL: Ist die Frau von ihrem Plan abgerückt?
Schmid: Ja.
SPIEGEL: Als praktischer Philosoph vertreten Sie auch
die These, Sinnsuche sei eine Therapie gegen Depression – da sie ohnehin zum
bewussten Leben gehöre.
Schmid: Ja, das Wichtigste im Leben ist die
Erfahrung von Sinn; und ausgerechnet sie steht modernen Menschen, die ja so
vieles andere haben, nicht mehr selbstverständlich zur Verfügung, wie es
lange Zeit der Fall war. Im Laufe der Moderne waren viele Menschen froh,
diese Selbstverständlichkeit etwa des christlichen Lebenssinns, der ja oft
auch mit Druck vermittelt wurde, losgeworden zu sein. Jetzt aber bemerken
die Menschen allmählich: Sie haben für den alten Sinn keinen Ersatz. Sie
haben auf dem Weg in die Moderne zu viel über Bord geworfen.
SPIEGEL: Und das ist dann der Beginn der Postmoderne?
Schmid: Ich nenne es lieber die andere Moderne.
SPIEGEL: Und welche Art von Sinn können sich die
Menschen zurückerobern? Das Christentum? Platons Ideenlehre?
Schmid: Erst einmal ist es wichtig zu verstehen: Was
ist denn gemeint mit „Sinn“? Wir sprechen immer dann von Sinn, wenn wir
einen Zusammenhang erkennen.
SPIEGEL: Den wir bejahenswert finden.
Schmid: Ja, in der Regel. Aber es gibt auch den
negativen Sinn: Wenn zwei sich heftig streiten und damit einfach nicht
aufhören können, das vermittelt auch noch einen starken Zusammenhang.
SPIEGEL: Lässt sich ein möglicher Sinn-Zusammenhang des
heutigen Lebens auch inhaltlich bestimmen? Geht es im Leben aller Menschen
um die Suche nach Glück? Gibt es Glück ohne eine gerechte Güterverteilung?
Oder ist die individuelle Selbstverwirklichung wichtiger als alles andere?
Schmid: Das sind große Fragen. Fangen wir weiter
unten an: Ein sehr positives Sinnerlebnis kann sich aus dem Verhältnis
zwischen Menschen ergeben, etwa zwischen Eltern und Kindern oder zwischen
Liebenden. Es fällt auf, dass Menschen, die sich sehr lieben, die Frage nach
dem Lebenssinn nur selten stellen. Wenn aber die Beziehung kriselt, wird
nicht nur gefragt: Hat sie noch einen Sinn? Sondern auch: Hat das Leben
überhaupt noch einen Sinn?
SPIEGEL: Sie haben argumentiert, dass der Sinn auch mit
den Sinnen zu tun hat – warum das?
Schmid: Wenn wir sehen, hören, riechen, schmecken,
tasten, dann gelingt es uns, einen Zusammenhang zwischen uns und der Welt
herzustellen. Eine sterbenskranke Frau, mit der ich gesprochen habe,
wünschte sich, noch einmal nackt in einem warmen Sommerregen zu stehen; ein
anderer Patient wollte noch einmal einen schönen Sonnenaufgang erleben. Das
sind sinnliche Sinnerfahrungen, die auch vor dem erwarteten Tod noch wichtig
sein können. Viele Menschen machen kaum noch solche Erfahrungen, weil sie
lieber auf irgendeinen Bildschirm blicken als auf den nächsten Baum im
Sonnenlicht. Auch Tasterfahrungen werden immer seltener, weil wir zwischen
uns und die Natur immer mehr Geräte schieben, Autos, Kameras, Computer. Wer
einen anderen Menschen anfasst, gilt rasch als übergriffig, also lässt man
es lieber. Das sind lauter Verluste von Sinnerfahrung.
SPIEGEL: Aus Ihrer Krankenhaus-Tätigkeit berichten Sie,
alte Menschen würden es besonders genießen, berührt zu werden.
Schmid: Ja, alle anderen Sinne werden im Alter
schwächer, das Sehen, Hören, Schmecken, Riechen, manche erlöschen ganz –
aber nicht der Tastsinn, der bleibt bis zum Ende, er entsteht ja auch schon
als erster im Mutterleib. Daher neigen alte Menschen dazu, die Hand, die man
ihnen beim Gruß gibt, ein wenig festzuhalten.
SPIEGEL: Der jüngere Mensch fragt aber weniger nach
solchen einzelnen Sinnerfahrungen, sondern nach dem Sinn des Ganzen –
danach, was sein Leben, was die Welt als solche eigentlich zu bedeuten
haben. Was antworten Sie dem?
Schmid: Ich empfehle ihm, den Zusammenhang des
Ganzen aus vielen einzelnen Zusammenhängen zu komponieren, aus Beziehungen
zu Eltern und Freunden, zu geliebten Menschen, zur Natur, zum Schönen und
Bejahenswerten in allen Formen. Neben diesen gefühlten Zusammenhängen ist
der geistige Zusammenhang des Lebens besonders wichtig, das Ziel, das ich
denken kann, der Zweck, für den ich da sein will.
SPIEGEL: Diesen Sinn meinen wir.
Schmid: Der lässt sich nicht einheitlich festlegen.
Jeder muss sein Lebensziel selbst finden, er muss dafür dann auch
geradestehen. Eben darum kann ich niemandem dieses Ziel vorgeben. Hinter die
individuelle Sinn-Verantwortung können wir nicht mehr zurückgehen. Auch
Staat und Kirche können sie uns nicht mehr, wie früher, abnehmen.
SPIEGEL: Für welche Art von Sinn haben Sie selbst sich
entschieden?
Schmid: Ich übe mich darin, ein sinnvoller Mensch zu
sein, und versuche alle vier Sinnebenen voll auszuschöpfen: die
Zusammenhänge der Sinne, des Fühlens, des Denkens und schließlich auch der
Transzendenz.
SPIEGEL: Meinen Sie mit dem letzten Punkt die
Gottsuche?
Schmid: Manche nennen es so. Ich sage bescheidener:
Ich fühle und denke, dass es noch etwas anderes geben kann als das Endliche.
Wenn es stimmt, dass alles polar organisiert ist in dieser Welt, dann muss
es auch zum Pol der Endlichkeit einen Gegenpol geben, die Unendlichkeit –
wie auch immer sie zu bestimmen wäre.
SPIEGEL: Wie erfahren Sie dieses Transzendieren vom
Endlichen ins Unendliche?
Schmid: Zum Beispiel, wenn ich abends hier auf den
Balkon gehe und zu den Sternen aufschaue. Der Blick zum Himmel ist mein
philosophisches Abendgebet.
SPIEGEL: Da ahnen Sie eine Unendlichkeit, die
eigentlich endlich ist, wenn auch unvorstellbar weit und gedehnt.
Schmid: Seit die Astrophysik von der Möglichkeit
eines Pluriversums spricht, öffnet auch der Nachthimmel ein Fenster in echte
Unendlichkeit.
SPIEGEL: Hilft diese Sinnebene dem, der sich mit dem
Sterben befasst – dem eigenen oder dem eines anderen Menschen?
Schmid: Je nachdem, wie weit Sie mit der Suche nach
Sinn kommen, werden Sie merken, dass der Tod seine Bedeutung vollständig
verändert – und da ist das Universum eine zentrale Richtung des Suchens.
Letzten Endes hängt von unserem Verhältnis zum Tod, also davon, wie wir ihn
angesichts der Unendlichkeit deuten, auch unser Verhältnis zur Sterbehilfe
ab. Wir dürfen den Tod nicht immer nur als unseren Todfeind betrachten. Nur
was irgendwann aufhört, ist auch schön und kostbar. Häufig über den Tod,
auch mit anderen, nachzudenken und zu sprechen, ist schon deshalb sinnvoll,
weil ihm das viel von seiner entsetzlichen Plötzlichkeit nimmt. Davor, vor
dem Akt des Sterbens und vor dem Konfrontiertsein damit, haben wir ja mehr
Angst als vor dem Tod als Zustand.
SPIEGEL: Würden Sie selbst notfalls Sterbehilfe in
Anspruch nehmen wollen?
Schmid: Die Hilfe eines anderen Menschen in keiner
Weise, weder direkt noch indirekt, denn dem würde ich in jedem Fall eine
Verantwortung aufbürden, die ihn sehr belasten könnte. Ich könnte mir
allenfalls vorstellen, dass ich bei einem langen, unerträglichen Leiden mir
selbst Sterbehilfe leisten würde – ich würde, wie Heyerdahl, aufhören zu
essen und zu trinken.
SPIEGEL: Herr Schmid, wir danken Ihnen für dieses
Gespräch.
Das Gespräch führten die
Redakteure Mathias Schreiber und Susanne Weingarten. |