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Sie werden nicht geliebt?
Sie finden keinen Trost? Hier fünf Möglichkeiten dafür, vielleicht kann
wenigstens eine Sie überzeugen: 1. Das Ausbleiben der Liebe lässt sich
ebenso wie ihr Auftreten nur bedingt beeinflussen. Liebe ist ein Phänomen,
das zwischen Menschen gelegentlich auftritt, gelegentlich auch ausbleibt.
Wenn es auftritt, wird es Menschen „warm ums Herz“, wenn es ausbleibt, kalt.
Das kommt sogar in den besten Beziehungen vor. Das scheint zyklisch wie die
Jahreszeiten zu sein. Nichts zu machen.
2. Das Ausbleiben der
Liebe, so bedauernswert es ist, ist nicht metaphysisch schlimm. Zwar ist die
Nostalgie der verlorenen „Einheit“ übermächtig, von der auf besonders schöne
Weise der Mythos von den Kugelwesen, die die Menschen ursprünglich gewesen
sein sollen, in Platons „Symposion“ handelt. Aber wieviel Entzweiung
resultiert gerade aus dem Traum der Einheit, der sich im Alltag und in der
Erstreckung der Zeit als nicht lebbar erweist! Eine Kunst des Lebens mit der
ausbleibenden Liebe bestünde darin, nicht zu viel von vergangener oder
künftiger Einheit zu träumen, sondern die Zweiheit als gegeben zu
akzeptieren. Das könnte gesünder sein als die Empörung über die Störung der
Harmonie, der Gram über die zerbrochene Einheit, die nicht endenden Vorwürfe
an den anderen wegen dessen Destruktion der „unio mystica“.
3. Das Leben ohne Liebe
unterscheidet sich in einem wichtigen Punkt nicht wesentlich vom Leben mit
ihr: Es bedarf der Pragmatik. Kein Grund also, der Liebe zu sehr
nachzutrauern oder sie zu ersehnen: Wo sie auftritt, kann es bei ihr allein
auf Dauer nicht bleiben. Liebe ist eine mehr oder weniger starke Zuneigung,
plus Arbeit, die der schwierige Prozess des Sich-aneinander-Gewöhnens
bedeutet. So wunderbar die Gefühle sind, im Alltag zählen vor allem
Gewohnheiten. Sie bestimmen das Zusammenleben und sie ruinieren es auch,
wenn sie nicht kompatibel sind. Pragmatik muss also hinzu kommen. Sie ist
die Insel, auf die sich die Schiffbrüchigen des Lebens und der Liebe immer
retten können. Auch der Mensch, der ohne Liebe lebt.
4. Was geliebt wird, ist
vor allem die Liebe. Wenn es denn unbedingt Liebe sein muss und momentan
niemand in greifbarer Nähe ist, dann lohnt es sich zu fragen, worauf sie
sich denn eigentlich richtet: auf einen bestimmten Menschen, oder durch
diesen hindurch auf „die Liebe“ selbst als Idee? Wer liebt, liebt zweifellos
die Unverwechselbarkeit des Geliebten, aber in jeder Liebe ist offenkundig
auch ein universelles Element wirksam, sonst wäre die Übertragung der
einzigartigen „wahren Liebe“, wie dies vielfach geschieht, auf einen anderen
Menschen undenkbar. Selbst Romantiker der wahren Liebe wie Novalis hatten
keine allzu große Mühe damit. Lieben kann man also auch, ohne konkret
jemanden zu lieben.
5. Fürs Geliebtwerden
lässt sich doch noch etwas tun. Aller Erfahrung nach bedarf das Leben dort,
wo nur noch Getrenntsein vorherrscht und die Pragmatik allein regiert,
wenigstens ab und zu einer Prise Romantik, gelegentlich also einer konkreten
Liebesbegegnung. Wie Sie das machen sollen, wo Sie doch nicht geliebt
werden, obwohl Sie es so sehr wollen? Der gute alte Seneca hält im neunten
seiner „Briefe an Lucilius über Ethik“ einen einfachen Rat dazu bereit: Si
vis amari, ama – „wenn du geliebt werden willst, liebe!“ |