|
Weltsicht
Für welchen höheren Sinn lebt der Mensch?
Für den, den er sich selbst gibt. In meinen Augen:
Das Leben auf der Erde in seiner ganzen Fülle geniessen und die Erde als
kosmische Wohnung des Menschen zu begreifen.
Was finden Sie liebenswert an diesem Jahrhundert?
Am 20.: Dass es sehr viel Befreiung mit sich
gebracht hat.
Am 21.: Dass es uns die Arbeit an den Formen der
Freiheit abverlangen wird und uns aufs Neue konfrontiert mit der Tragik
unaufhebbarer Widersprüche.
Sie stehen einer Weltregierung vor: Was würden Sie
sofort abschaffen?
Die Weltregierung. Eine solche Zentrierung von
Macht gilt es unter allen Umständen zu verhindern. Sie könnte in nie
gesehenem Ausmaß totalitär werden.
Was ist links?
Das frage ich mich auch. Allenfalls eine
Akzentsetzung, eine Bereitschaft, sich immer wieder an der Verbesserung von
Verhältnissen zu versuchen, zur Realisierung von Menschenwürde, sozialer
Gerechtigkeit, ökologischer Bewahrung. Aber „Bewahrung“ ist eigentlich
konservativ, also „rechts“, also schlecht?
Weltreise
Welches ist Ihr liebster Platz auf der Welt?
Der Biergarten Loretta am Wannsee. Überhaupt
Berlin, Stadt meiner Träume, meiner Wahl, die ich liebe, seit ich hier bin,
seit 1980, mit all ihren Metamorphosen.
Mit welchen drei Begriffen charakterisieren Sie
Deutschland?
Verwöhntes Kind, erstaunlich kreativ und
intelligent, schönes Gesicht mit abgründigem Blick.
Was ist für Sie Heimat?
Mein kleines Dorf in Bayerisch-Schwaben zwischen
idyllischen Hügeln, das ich als Kind nie verlassen wollte. Einen solchen
festen Ort zu haben, ist hilfreich fürs Leben.
Welches ist das Ziel Ihrer Traumreise?
Usedom. Diese Traumreise mache ich jedes Jahr.
Unter Kiefern im weissen Sand am blauen Meer. Einfach nur da sein und
nachdenken – was gibt es Schöneres!
Weltschmerz
Wovor haben Sie Angst?
Vor Gewittern. Und vor neuen Herausforderungen.
Aber man gewöhnt sich an alles.
Wann haben Sie zuletzt geweint?
Als mein Vater starb.
Was trauen Sie der Menschheit nicht mehr zu?
Ich traue ihr alles zu. Immer. Im Guten wie im
Schlechten. Schade nur, wenn dieses wahnsinnige Tier Mensch sich vorzeitig
selbst ein Ende setzt, am ehesten wohl durch schleichende ökologische
Selbstzerstörung.
Was empfinden Sie als Verrat?
Kaum etwas. Schlimm ist nur, wenn eine Abmachung
auf krasse Weise nicht eingehalten wird.
Weltkunst
Welcher literarische Held steht Ihnen am nächsten?
Warum?
Ulrich in Musils „Mann ohne Eigenschaften“. Weil er
ein Mensch ist, der die Moderne in sich austrägt, dieses größte und
widersprüchlichste Experiment, das es je auf diesem Planeten gab.
Welches Kunstwerk haben Sie nie verstanden?
Ich bin nicht sicher, ob es bei Kunstwerken aufs
Verstehen ankommt. Aber man kann ein Verständnis hineinlegen, um es dann
herauszulesen. Und das geht immer.
Wie beschreiben Sie Lebenskünstler?
Die sich nicht aufs Gelingen fixieren. Die nicht
nur Misserfolge, sondern auch noch Erfolge wegstecken. Die mit Widersprüchen
leben und starke Beziehungen zu Anderen knüpfen, in deren Netz es sich leben
lässt. Die wissen, dass ihr Leben eine Grenze hat und die nicht nur hier und
nicht nur jetzt leben.
Welche Kunst würden Sie gern beherrschen?
Klavierspielen.
Weltwunder
Worüber wundern Sie sich?
Über das Leben überhaupt und über die Existenz des
Menschen auf diesem einsamen schönen Planeten in der unendlichen Schwärze
des Alls.
Was müsste unbedingt erfunden werden?
Interplanetare und interstellare Reisen zu
erschwinglichen Preisen.
Was ist an Ihnen bewundernswert?
Vielleicht ein wenig die Leidenschaft fürs Leben in
all seinen Facetten und Banalitäten.
Apropos Wunder. Was ist ein wunder Punkt bei Ihnen?
Die regelmäßigen Abstürze ins Abgründige, ins
Nichts.
Weltbürger
Welchen Zeitgenossen würden Sie für Verdienste um
die Menschheit auszeichnen?
Tante Emma an der Ecke, die immer ein offenes Ohr
für die Sorgen und Nöte ihrer Mitmenschen hat. Ein offenes Ohr ist schon die
halbe Heilung.
Finden Sie Marx überholt?
Restlos. Es fehlt das Individuum, die Ethik, das
Existenzielle, die Ökologie. Völlige Fixierung auf die Ökonomie und das
Privateigentum, das nur materiell verstanden wird und von dessen Abschaffung
die Lösung der Probleme der Welt erwartet wird.
Sind Sie für Geburtenkontrolle?
Ich bin für die Verbesserung von
Lebensverhältnissen. Dann regulieren sich die Geburten von selbst.
Mit welcher Persönlichkeit der Geschichte würden
Sie gern in Briefwechsel treten?
Mit Aspasia, der ersten Philosophin, Lehrerin des
Sokrates. Ich hätte einige Fragen zu ihrer Philosophie der Erotik.
|