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Ulrike Gropp:
Zum Beginn ein Rätsel, das Sie,
Herr Schmid, bestimmt ganz leicht zu lösen finden: "Das Material,
mit dem die Künstler dieser Disziplin arbeiten, ist kein Marmorblock,
keine Leinwand, kein Notenblatt – und doch handelt es sich um ein
Material, das von allen Künsten bearbeitet wird."- Um welches
Material handelt es sich denn?
Wilhelm Schmid:
Das Material, das erraten werden
soll, ist das Material des Lebens. Und es ist ziemlich schwierig, diese
Material des Lebens zu beschreiben, weil das nicht immer so handfest ist
wie ein Marmorblock. Sondern das sind Erfahrungen, Gefühle, Ideen,
Lieben, Leidenschaften, ein kunterbuntes Durcheinander, ein Chaos, kann
man sagen – und Lebenskunst besteht darin, mit diesem Chaos zu leben.
Nicht umsonst haben Sie Ihr Buch
einem zeitgenössischen Gemälde gewidmet. Die Interpretation eines Bildes
steht quasi im Zentrum Ihres Versuchs, bildet den Hintergrund, vor dem Sie
Ihre Philosophie der Lebenskunst formulieren. Wie kam es dazu? Und weshalb
haben Sie gerade dieses Gemälde ausgewählt?
WS: Da sitzt ein Mann auf dem
Bettrand und hinter ihm liegt eine halbnackte Frau – ein Bild, das der
amerikanische Maler Edward Hoppper 1959 gemalt hat. Das Bild für sich ist
schon sehr schön, aber erstaunlich ist der Titel, denn der lautet
"Exkursion in die Philosophie". Dieses Bild steht nicht von
ungefähr in diesem Buch, das ist nicht nur deswegen, weil es dem Buch
vielleicht ein Thema, einen roten Faden gibt. Sondern es war die
Situation, die mich zur Lebenskunst geführt hat – und die habe ich in
diesem Bild abgebildet gefunden und deswegen wollte ich das in diesem Buch
haben.
Die Frage: "Wie kann ich mein
Leben führen?" hat in der Fachphilosphie lange Zeit keinen Platz
gehabt. Seit wann und warum ist das denn so?
WS: Als ich der Geschichte dieser
Thematik nachgegangen bin, um mich zu orientieren, habe ich festgestellt,
daß das Thema Lebenskunst in der Antike ein manifestes Thema der
Philosophie war, man kann vielleicht soweit gehen zu sagen: sie war das
Thema der Philosophie. Etwas davon hat sich immer durch die
Jahrhunderte hindurch gehalten; auch in den Zeiten, in denen christliche
Philosophen dominierend waren in Europa, spielt diese Frage nach
Lebenskunst eine sehr große Rolle, wenn auch unter christlichen
Vorzeichen. Und noch im 18. Jahrhundert zu meinem Erstaunen findet man
enorm viele Philosophen, die sich über Lebenskunst äußern und das auch
so nennen. Am Ende des 18. Jahrhunderts haben wir einen sehr großen
deutschen Philosophen, der mit dieser Frage noch immer zu tun hat – aber
danach bricht der Faden dann ab.
Sie meinen, man hat sich im 20.
Jahrhundert mit dieser Frage bisher nicht in der notwendigen Intensität
und mit der notwendigen Freiheit Gedanken machen können?
WS: Das kann man mit Sicherheit so
sagen, bereits im 19. Jahrhundert beginnt diese Entwicklung, daß eine
sogenannte Schulphilosophie entsteht, die sich um solche Fragestellungen
überhaupt keinen Kopf mehr macht, sondern beschäftigt ist mit
Wissenschaft und wissenschaftlich begründeter Moral. Und im 20.
Jahrhundert kannte man lange Zeit überhaupt nichts anderes mehr als nur
theoretische Philosophie. In den 70er Jahren mußte es zu einer
Rehabilitierung der praktischen Philosophie kommen – und nun sind wir an
dem Punkt, wo es zur Rehabilitierung von Lebenskunst kommen kann.
Und weshalb kann diese Tendenz zur
Theorie, zur Abstraktion, die Sie eben mit dem Begriff
"Schulphilosophie" benannt haben, auch in der akademischen
Philosophie der Gegenwart, die in der Öffentlichkeit kaum noch debattiert
werden kann, festgestellt werden – und wieso kann das vielleicht so
nicht weiter gehen? Was sind die Gründe für die notwendige Renaissance
der Lebenskunst?
WS: In der akademischen Philosophie
geht es natürlich schon so weiter wie bisher, die ist autark, die lebt
für sich, die macht sich unter Umständen wenig Gedanken darüber, daß
sie möglicherweise die Unterstützung der Gesellschaft braucht, um ihre
Stellen überhaupt zu finanzieren. Das geht auf jeden Fall weiter. Aber
zugleich kann man feststellen, daß in der Öffentlichkeit tatsächlich
die Fragestellung nach der Lebenskunst neu aufbricht und mir scheint, daß
es dafür klare Gründe gibt. Wir sind an einem Punkt in der Moderne
angelangt, wo wir unglaublich viele Möglichkeiten haben, was man machen
kann mit dem Leben, auf der anderen Seite sind andere Dinge verstellt.
Ständig kommen neue technische Herausforderungen dazu. Wir haben gelernt,
daß immer mehr Technik und immer mehr Wissenschaft uns keineswegs
glücklicher macht, sondern daß wir Lebenskunst brauchen, um mit einer
solchen wissenschaftlich-technischen Welt überhaupt fertig zu werden.
Wenn wir heute von Lebenskünstlern
sprechen, dann meinen wir meist Menschen, die sich elegant oder auch
pfiffig über die Widrigkeiten des Lebens hinwegsetzen. Oder man denkt
dann an Lifestyle, an Moden, an Design, an Zigarettenmarken und Cognac –
das alles haben Sie ja wohl nicht im Sinn, wenn Sie an die große
philosophische Tradition der "Ars Vivendi", wie es im
Lateinischen heißt, also der Lebenskunst, anknüpfen.
WS: Ich habe mich bisher auch
gescheut, den Begriff "Lebenskünstler" zu gebrauchen. Aber das
wird sich auf Dauer nicht halten lassen. Sinnvoll wäre, den Begriff eben
so zu verändern, daß er wieder Sinn gewinnt und nicht mehr nur darin
besteht, das Leben leicht zu nehmen und alles nur zu genießen. So schön
das ist, das Leben leicht zu nehmen und zu genießen, doch daraus allein
besteht das Leben nicht. Da gibt es auch schlimme Erfahrungen und
schmerzliche Dinge und die Lebenserfahrung zeigt, daß gerade die
schmerzlichen Dinge einen möglicherweise viel intensiver mit dem Leben in
Verbindung bringen als andere.
Welches sind denn die Eckpunkte, an
denen eine Philosophie der Lebenskunst, so, wie Sie sie sich vorstellen,
greifen kann.
WS: Der wichtigste Eckpunkt dürfte
sein, sich klarzumachen, daß das Leben endlich ist, jedenfalls bis auf
weitere Zeit ist das noch so, vielleicht werden Technik und Wissenschaft
auch dies noch in irgendeiner Weise manipulieren. Das Leben ist endlich,
und wir bringen offenkundig zu viele Jahre damit zu, uns über diese
Endlichkeit keine Rechenschaft abzulegen. Sodaß wir dann irgendwann –
bei vielen Leuten fängt das so um die 40 herum an – sodaß wir dann
plötzlich realisieren, daß dieses Leben nur noch einen begrenzten
Horizont vor sich hat, auch wenn man noch einen unbestimmten Zeitraum vor
sich hat. Und dann kommt die große Reue: "Hätte ich doch dies
gemacht, hätte ich doch jenes aus meinem Leben gemacht!" –
Lebenskunst sollte dazu da sein, sich selbst sehr früh daran zu erinnern
und sehr viel nachhaltiger daran zu arbeiten, die Träume zu
verwirklichen, die man sich vorgenommen hat für sein Leben.
Sie haben Ihr Buch "Philosophie
der Lebenskunst" genannt; wie steht es denn um die Philosophie des
Sterbens und des Todes?
WS: Zur Lebenskunst – im
Lateinischen Ars Vivendi – gehören zwei Grundbestandteile, das
ist die Kunst des Liebens, Ars Amandi, und die Kunst des Sterbens, Ars
Moriendi. Das war damals so – und daran hat sich heute in diesem
Punkt nicht sehr viel geändert. Natürlich gehört es zu einer
Lebenskunst, mit Tod umzugehen und ich versuche in dem Buch, einige
Möglichkeiten dazu aufzuzeigen. Wie ich überhaupt versuche,
Möglichkeiten aufzuzeigen und nicht zu sagen: "Dies oder das allein
ist Lebenskunst!" Und eine Möglichkeit, mit dem Tod umzugehen und
eine Kunst im Umgang damit zu entwickeln, ist, sich mit dem Gedanken
stärker zu konfrontieren und möglicherweise auch noch stärker sich mit
der Realität zu konfrontieren, indem man nicht mehr fortläuft vor
sterbenden Menschen, sondern sich an ihre Seite stellt und ihre Hand hält
und in gewisser Weise mit ihnen mitstirbt. Wer diese Erfahrung einmal
mitgemacht hat, der wird keine so große Angst mehr vor dem Tod haben.
Nun sind wir ja im Alltag, auch
aufgrund der allgegenwärtigen Medien, doch sehr häufig mit dem Tod
konfrontiert – aber wohl nicht in der Form, von der Sie glauben, daß
sie uns den Umgang mit dem Sterben erleichtert oder uns dies lernen läßt.
Glauben Sie nicht, daß die Menschen heute doch sehr viel mehr mit dem Tod
zu tun haben, als man allgemeinhin annimmt.
WS. Mir scheint, daß wir nicht im
geringsten mit dem Tod zu tun haben, es finden keine Leichenzüge mehr
statt durch die Stadt, wie das früher der Fall war, wenn jemand gestorben
ist, der Tod findet anonym statt, an Orten, an die wir normalerweise nicht
kommen, im Krankenhaus vorzugsweise zu einem sehr hohen Prozentsatz. Ich
habe versucht selbst, da ich unzufrieden war mit dieser gesellschaftlichen
Situation, was meinen kleinen Part betrifft, da vielleicht für eine
Veränderung zu sorgen und habe die Einladung in ein Krankenhaus
angenommen und hatte dort mit sterbenden Menschen zu tun, um mit ihnen zu
sprechen.
Können Sie sich vorstellen, daß
das, was ein Krankenhausseelsorger früher gemacht hat, zukünftig von
einem Krankenhausphilosophen getan werden könnte, Gesprächspartner zu
sein?
WS: Nicht als Ersatz für den
christlichen, den kirchlichen Seelsorger, aber als Ergänzung dazu, mit
Sicherheit, das zeichnet sich deutlich ab nach diesen Erfahrungen im
Krankenhaus, die so erfreulich waren, daß wir sie fortsetzen werden. Dort
existiert auch ein Krankenhausseelsorger. Doch die verblüffende Erfahrung
war, daß sehr viele Menschen, ich möchte sagen, fast 80%, in
Zweifelsfällen eher nach dem philosophischen Seelsorger rufen, warum, das
weiß ich nicht so genau. Grundsätzlich kann man sagen, daß das
Christentum die Seelsorge nicht erfunden hat, sondern daß das Christentum
damals in antiker Zeit die Seelsorge von der Philosophie übernommen
hatte, die Philosophen waren also die Ersten gewesen, die diese Sache,
für die Seele zu sorgen, für die eigene und die von anderen, erfunden
haben.
Wie kann man sich die konkrete
Tätigkeit eines Krankenhausphilosophen denn vorstellen?
WS: Philosophie erscheint in der
Situation als das, was sie, glaube ich, eigentlich ist, nämlich ganz
schlicht ein Innehalten und Nachdenken. Und es ist richtig, daß in dieser
Situation des Krankenhauses das Umfeld förderlich ist, um innezuhalten
und nachzudenken. Denn man kann ja sonst sowieso nichts anderes tun in
dieser Situation. Und das betrifft nun beinahe alle im Krankenhaus. Das
wichtigste Medium war das Gespräch, ein anderes wichtiges Medium waren
Vorträge und Seminare, und von vielen habe ich dann gehört, daß dies
"geistige Nahrung" sei. In der Situation, in der sie nun nichts
tun können im Sinne unserer Gesellschaft, immer etwas zu tun, immer aktiv
zu sein, sondern passiv sein müssen, kommt nun das Nachdenken über
größere Zusammenhänge, damit man den eigenen Ort in diesen
Zusammenhängen wieder finden kann. Das Gespräch von Mensch zu Mensch
schien mir manchmal so zu sein, daß es als bloße Tatsache schon Wunder
bewirkt, die bloße Tatsache, miteinander zu sprechen, das mußte gar kein
bestimmtes Ziel haben. Das ist ja vielleicht auch das Erfreuliche am
philosophischen Gespräch, man hat es nicht mit einem bestimmten Techniker
zu tun, auch nicht mit einem Techniker der Seele, der Philosoph hat auch
keine festen Begriffe, keine festen Normen im Sinn, da kann man wirklich
frei miteinander sprechen und das haben viele offenkundig sehr genossen.
In einer Zeit, in der es im
Krankenhaus offenkundig immer häufiger auch um die Grenzen des Machbaren,
des technisch Machbaren geht, um medizinethische Fragen, sind da nicht –
neben den Patienten - auch die anderen Menschen eine Klientel für einen
Krankenhausphilosphen?
WS: Das war nicht begrenzt auf die
Patienten, das erstreckte sich auch auf das Personal, auf die Ärzte und
Chefärzte. Auch das waren Gesprächspartner, die entweder zu mir gekommen
sind oder ich zu ihnen. Ich bin auch einmal mit in einen OP-Saal gegangen,
und war stundenlang bei einer schwierigen Operation dabei, um all das
kennenzulernen. Und mir schien, daß besonders die Ärzte heilfroh waren,
einen Philosophen dazuhaben, mit dem sie verschiedene Dinge erörtern
können, an die sie mit ihrer Technik nun nicht mehr herankommen. Denn
Technik ist eben auch in der Medizin nicht alles, ganz im Gegenteil, die
zwei Wochen haben mich darüber belehrt, daß das, was in einem
Krankenhaus heilt, nicht unbedingt primär die Medizin ist. Und das sehen
die Ärzte dort genauso. Sondern die seelische Verfassung von Menschen.
Und daß man dann letzten Endes, um sie wirklich zu heilen, eben nicht
mehr nur die Technik braucht, sondern auch die entsprechende seelische
Zuwendung, die zum Teil von Psychologen kommt, und überhaupt auch vom
Personal, von den Krankenschwestern und Helfern, die sich alle Mühe
geben. Aber ein weiterer Partner bei dieser Arbeit kann dann eben der
Philosoph sein.
Ein Vorwurf, Herr Schmid, der die
Philosophie der Lebenskunst gelegentlich trifft, lautet ja, sie maße sich
an, zu bestimmen, was gut und was schlecht für den Einzelnen sei. Sie
scheuen sich auch überhaupt nicht, vom Guten oder Schlechten oder Wahren
zu sprechen – das sind ja Kategorien, die Philosophen heutzutage sich
kaum noch in den Mund zu nehmen trauen. Wie steht es denn um Ihr
Verhältnis zur akademischen Philosophie?
WS. Ja, dieser Vorwurf kommt aus
Frankfurt, aber da hat man sich noch nicht intensiv genug mit dieser Sache
beschäftigt, das wird man sicherlich noch nachholen die nächsten Jahre.
Es ist nicht so, daß der Philosoph, der sich über solche Dinge,
"gut" und "schlecht", "schön" vor allem –
das ist ein wichtiger Begriff, das Schöne, und das "erfüllte
Leben" – der sich also über solche Dinge Gedanken macht, daß er
damit etwas bestimmt. Er definiert diese Begriffe und bietet diese
Definition an, jeder ist frei, dieser Definition dann zuzustimmen, etwa
der des "schönen Lebens": Ich denke, daß man das definieren
kann als ein "bejahenswertes Leben", jeder ist frei, dazu seine
eigene Haltung zu finden. Und zum anderen geht es dabei nur um Begriffe.
Ein anderes Problem ist es dann, festzulegen, was "Lebenskunst"
denn ist. Und da kann man heute natürlich nicht mehr dazu übergehen, wie
das in früheren Zeiten der Fall war, in der Antike und auch noch im 18.
Jahrhundert, präzise zu sagen, "Nur dann, wenn Du dies und jenes
tust, hast Du Lebenskunst"; das geht heute nicht mehr. Wir sind
moderne Menschen, jeder hält sehr viel auf seine Autonomie, und zwar
zurecht; dann aber kann Lebenskunst nicht mehr normativ auftreten, sondern
nur noch optativ, das heißt, Möglichkeiten aufzeigend und es dem
einzelnen überlassend, was er aus diesen Möglichkeiten auswählt.
Es ist ja möglich, daß die
"Kunst des Lebens" dem sehr oberflächlichen Blick als etwas
sehr leichtes und Einfaches erscheint, so daß es wie beim Blick auf
manche Werke der modernen Kunst manchmal vielleicht zu der Aussage
verleitet: "Das kann ich auch". Doch wie ist das denn in
Wirklichkeit?
WS. In aller Regel bedeutet
"Kunst des Lebens" doch, das zu tun, was man nicht von Natur
aus, selbst und ganz leicht beherrscht. Vor allem in moderner Zeit ist das
so, früher konnte man vielleicht noch sagen, die Natur bringt den
Menschen bei, zu leben. Aber wir wissen heute ja nicht mal mehr, was Natur
ist, sondern wir müssen mit einer Fülle von wissenschaftlichen und
technischen Dingen zurecht kommen, für die wir nicht von vorneherein
ausgebildet sind. Ich will nur ein Beispiel nennen: Die Moderne hat es
sich angelegen sein lassen, viele Möglichkeiten der Wahl auszuarbeiten,
aber wenn man auf die Suche geht in der Philosophie, was eine Wahl
überhaupt ist, dann wird man nicht fündig werden. Es gibt keine
Ausarbeitungen über die Wahl. Was sie ist, was ihr Begriff ist und wie
man, wenn man sie treffen will, sinnvollerweise vorgeht, welche Schritte
da wichtig sind. Ich habe versucht, diese Lücke zu füllen. Und das ganze
Zentrum dieses Buches dreht sich nur um diese Frage der Wahl. Darauf,
glaube ich, läßt sich heute nicht sehr gut verzichten.
Kann man Lebenskunst denn lernen?
Ich spiele damit darauf an, daß Sie mir bei unserer Vorbesprechung
berichtet haben, daß Sie jetzt auch in Schulen, mit jungen Leuten, über
Philosophie und auch über Ihre "Philosophie der Lebenskunst"
sprechen – und wie es scheint, mit nicht geringem Erfolg.
WS. Ja, der Zuspruch ist groß. Ich
war neulich in einem Gymnasium in Südthüringen, und mir schien, daß die
jungen Leute, es waren die Abiturklassen, sehr stark angesprochen waren,
weil sie sich von diesem Ansatz ernster genommen fühlen als von
herkömmlichen Moralen oder Ethiken, die immer darin bestehen, den
Zeigefinger zu heben und ihnen zu sagen, was sie zu tun haben. Das hören
die aber nicht gerne, sondern sie gehen von sich selbst aus, vielleicht
naiverweise, denn sie werden im Laufe der Zeit feststellen, daß eben doch
sehr viel von anderen abhängig ist. Aber so kann man vorgehen und letzen
Endes Lebenskunst lernen. Ob man sie auch lehren kann, darin besteht
vielleicht der Zweifel. Man kann aber all die Ingredenzien zur Verfügung
stellen, die man braucht, um sie zu erlernen.
Was sind denn diese Bestandteile
oder diese Zutaten, die ein Mensch braucht, um die Lebenskunst zu
erlernen?
WS: Das sind die Grundbestandteile,
die ich in meinem Buch zu entfalten versuche, Grundbestandteile, von denen
ich glaube, daß sie für jede mögliche Lebenskunst zutreffen, egal, wie
sie dann inhaltlich bestimmt ist, zum Beispiel: In jedem Leben werden wir
mit dem Problem der Macht zu tun haben, mit Machtbeziehungen zwischen
Menschen. Gut, man kann natürlich leugnen, daß so etwas eine Rolle
spielt zwischen Menschen, aber dadurch hört die Tatsache ja nicht auf.
Man kann auch versuchen, Macht abzuschaffen, aber alle Versuche, die
darauf abzielten, liefen bisher darauf hinaus, daß die Macht um so
vehementer zurückgekehrt ist. Also sinnvoller erscheint es mir für eine
Lebenskunst, sich mit dieser Frage der Macht zu befassen – und zwar
nicht nur einseitig, also nicht nur die Frage zu stellen: "Welche
Macht wird von außen über mich ausgeübt?" Diese Frage ist uns
durchaus vertraut und wir ärgern uns über die äußere Machtausübung.
Sondern vielmehr die Frage zu stellen, selbstkritisch: "Welche Macht
übe ich denn über andere aus?"
Sie haben ja den Begriff
"Selbstmächtigkeit" an zentraler Stelle in Ihrem Buch
verwendet. Können Sie dies erläutern?
WS: Das meint "Macht über sich
selbst", und zwar Macht, nicht Herrschaft. Herrschaft wäre die
totale Dominanz seiner selbst, wenn zum Beispiel das Denken total die
Gefühle dominieren würde. Das ist kein sinnvolles Modell für eine
Lebenskunst. Sinnvoller ist es, Macht über sich auszuüben, in gewisser
Weise also eine Führung durch das Denken, eine Führung, die aber nie so
weit geht, die Gefühle zu eliminieren, um nur dieses Beispiel zu nennen.
Deshalb muß auch eine Schiedsinstanz da sein, das kann das Denken sein.
Diese Selbstmächtigkeit erscheint mir deswegen so wichtig, weil, wenn
diese nicht gegeben ist, wenn diese Macht über sich selbst nicht in einem
Mindestmaß vorhanden ist, dann haben Mächte von außen sehr viel
größere Zugriffsmöglichkeit auf mich, als wenn ich selbst mit mir
klarkomme.
Das spielt ja an auf den Gedanken,
der schon in der griechischen Philosophie, in der Stoa, sehr wichtig war,
die Sorge für sich selbst zu betonen? Würden Sie denn sagen, daß
Konzepte aus der Antike heute wirklich noch verwendbar sind, vor dem
Hintergrund all dessen, was die Menschheit schon erfahren und erlebt hat?
WS: Solche Konzepte wie jenes der
"Sorge um sich selbst" ja, diese ist unabdingbar, aber genau in
dem Sinne, wie das ursprünglich auch gedacht war – übrigens bei
Sokrates, nämlich, daß die Sorge für sich selbst klugerweise auch
sofort eine Sorge für andere ist. Denn kein Selbst lebt für sich allein.
Und daß diese "Sorge um sich selbst" schließlich in der
nächsten Weiterung eine Sorge um die Gesellschaft ist, da niemand ohne
Gesellschaft leben kann. Diese "Sorge für sich selbst" darf
also niemals als eine egoistische Sorge verstanden werden. Das kann man
treiben, niemand kann es verbieten, aber unter dem Aspekt der Lebenskunst
ist es nicht klug, so zu verfahren.
Sie haben das Jahr 1989 sehr
aufmerksam erlebt, und Sie haben an anderer Stelle davon gesprochen, daß
dieses Jahr für Ihr Denken und Ihre Existenz ein absolut einschneidendes
Erlebnis war. Sie haben auch 1993 einen Essay veröffentlicht: "Was
geht uns Deutschland an?". Können Sie etwas näher beschreiben, was
dieses Jahr 1989 für einen Berliner Philosophen bedeutete – und in
welcher Weise dieses Erlebnis Ihr Denken beeinflußt hat.
WS: Ich hatte von dem französischen
Philosophen Michel Foucault gelernt, daß Philosophie sich auch mit
gesellschaftlichen Fragen befassen sollte und an Geschichte teilhaben
sollte. Als am 9. November 1989 nur wenige hundert Meter von mir entfernt
die Mauer gefallen ist, so sagte man das metaphorisch, jedenfalls aber
überwindbar geworden war, ging ich dort hin und gehörte zu den ersten
Hundert, die am Brandenburger Tor über die Mauer gegangen sind, und ich
ging dann die ganze Nacht Unter den Linden auf und ab, nur um darüber
nachzudenken, was dieses Ereignis nun für mich bedeutet. Über die
historische Bedeutung war ich mir von vorneherein vollkommen im Klaren.
Aber für mich sollte das bedeuten, meinte ich, daß ich nicht mehr weiter
in Westdeutschland oder genauer in Westberlin arbeite, sondern in
Ostdeutschland, das ließ sich innerhalb weniger Monate bewerkstelligen.
Und die weitere Idee war, künftighin auch in Osteuropa zu arbeiten. Da
war ich auf eine Einladung angewiesen, die dann aber letzten Endes kam,
sodaß ich seit 1992 als Gastdozent des Deutschen Akademischen
Austauschdienstes an der Universität in Riga tätig bin. Das war mein
Anliegen von vorneherein, daß dieses Buch, an dem ich damals zu arbeiten
anfing, die "Philosophie der Lebenskunst", herauswachsen sollte
aus einer gesellschaftlichen Situation, die nicht die verwöhnte des
Westens ist, sondern die existentiellere, so möchte ich sie nennen, des
Ostens. Die Grundfrage war: Wie baut man denn eine Gesellschaft, wenn gar
keine mehr vorhanden ist? Wir entrüsten uns manchmal über bestimmte
Dinge in unserer Gesellschaft, weil sie nicht so funktionieren, wie sie
dies sollen, aber wir sollten uns dabei bewußt sein, daß wir wenigstens
eine Gesellschaft haben, an der wir dann modifizieren können. Die
Menschen dort haben das Problem, keine Gesellschaft mehr zu haben und
ratlos zu sein, wie man sie denn baut. Und ich hoffe, daß in diesem Buch
einige Bausteine zu finden sind, namentlich der Baustein, der da heißt
"kritisches, bewußtes Individuum", ein Individuum, das nicht
nur für sich lebt, sondern sich dafür interessiert, in Gesellschaft zu
leben, und das seinen kleinen Teil dazu beiträgt, an welcher Stelle auch
immer, daß Gesellschaft zustande kommt.
Daß ein zeitgenössisches
philosophisches Fachbuch gut ein halbes Jahr nach seiner
Erstveröffentlichung nun bald in die dritte Auflage geht, ist ja eher
ungewöhnlich. Worin sehen Sie denn – wenn ich Ihnen die Frage stellen
darf – die Ursache dafür?
WS: Ich habe mich bemüht, das Thema
für ein breiteres Publikum aufzubereiten und bin außerordentlich
glücklich darüber, daß das nun tatsächlich Anklang findet. Ich denke,
daß die akademische Philosophie darauf irgendwann reagieren sollte, und
dieses Thema "Lebenskunst" auch wieder in ihre heiligen Hallen
einlassen sollte.
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