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Deutschland könnte uns gleichgültig
sein, wenn es unproblematisch wäre. Nun aber entsteht erneut die Frage, was diese Gesellschaft denn ist, die unter
dem Begriff "Deutschland" firmiert. Offenbar gibt es Strukturen
in dieser Gesellschaft, die von einer verhängnisvollen Geschichte herrühren und in
der Aktualität erneut hervorbrechen. Die Faszination des Faschismus, so
die These von Wilhelm Schmid, kann sich überall dort entfalten, wo Individuen
nicht gelernt haben, sich selbst zu führen, und daher dazu neigen, die Führung des eigenen Lebens in die Hände eines Führers zu legen. Das
Erlernen der Fähigkeit, sich selbst zu führen, muss deshalb stärker in
den Vordergrund rücken. Die politische Bedeutung der Überlegungen des Autors
besteht darin, eine individuelle Lebenskunst den pathologischen Formen der
Macht entgegenzustellen, ja sie unmöglich zu machen, um eine "Ökonomie
der Machtverhältnisse" zu finden, wie sie einer freiheitlichen,
demokratischen Gesellschaft gemäß ist. Aber es ist auch eine Auseinandersetzung darüber
zu führen, was es überhaupt heisst, Mitglied einer Gesellschaft zu sein und
wie heute eine postmurale Gesellschaft aussehen könnte, um nicht wieder
der Versuchung der Herstellung einer "Gemeinschaft" zu erliegen. Es
muss darum gehen, größere Aufmerksamkeit auf die Ausgestaltung der Machtbeziehungen
im einzelnen zu verwenden und Sensibilität für die eigene Machtausübung zu
entwickeln. Die Politik wäre in dieser Perspektive als eine "Kunst
des Lebens" zu verstehen, um diesen Begriff des geläuterten Thomas Mann
aus seiner Rede von 1945 aufzunehmen.
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